23 Erinnerungen Teil 2


Erinnerungen Teil 2          Dieses Seite ist noch in Überarbeitung !

Ältere Kunden meines Vaters - auch er war Schneider - konnten sich noch an einen "Volkssänger" namens Ungrad erinnern, de aber wegen seiner zotigen Texte bekannt war. Ich wußte das natürlich nicht und sagte allen Kunden daß er sicher mit uns verwandt sei. Bis ich dann einmal bei so einer Aussage von Vater gehört und aufgeklärt wurde daß er Wert drauf legte NICHT verwandt zu sein.

---------------------------------------------------------------------------------------------------------  

Auch der Bruder meines Vaters hatte eine Schneiderwerkstatt und war in Wien be­kannt, weil sein Geschäft in der Bösendorfer Straße, gerade in der Schleife bei der Fahrkartenaus­gabe der Badner Bahn bei der Oper lag, so daß viele Fahrgäste sein Fir­menschild kannten.

Er war Brillenträger und als solcher als kriegsuntauglich befunden worden und da­her die Kriegszeit über in Wien bei der Polizei, vornehmlich im 2. Bezirk tätig. So konnte er mit mir und meiner Mutter - als Vater eingerückt war - viele Ausflüge ma­chen und hat in dieser Zeit fallweise an mir die Vaterstelle vertreten. Er hatte auch Theaterdienst (Brandaufsicht) und hat mich öfters mutgenommen. Da er von Fliegerangriffen vorzeitig informiert wurde hat er mich immer mit dem Rad rechtzeitig nach Hause geschickt. So kam ich öfter in  den Zirkus Busch in der Zirkusgasse im 2. Bezirk. Das Gebäude ist im Krieg zerstört worden.

----------------------------------------------------------------------------------------------------------  

Mein Vater wurde 1901 als eines von 7 Kindern inWien-Lerchenfeld geboren. Die Familie war eine Handwerkerfamilie vom Grund. Aus Sparsamkeitsgründen wurde er nach Johannes v. Nepomuk getauft, denn dessen Namenstag auch auf den 16. Mai, seinen Geburtstag, fiel. So konnten Geburts- und Namenstag gleich auf einmal gefeiert werden.

Er hat sich nach der Lehre durch Selbststudium in der Handelsschule hinaufgearbei­tet und wurde dann ein in der Innenstadt angesehener Schneider, der stets dem Handwerk treu blieb und viel auf Innungstradition Wert legte. Er war ehrlich und gerade in seinem Denken, so daß ihm später eine Wahl zum Innungsmeister versagt blieb, weil er mit seiner geraden Meinung aneckte. Innungsmeister-Stellvertreter ist er aber doch geworden. Sein Vorgänger an der Innungsspitze, Kommerzialrat Holas, ein echter böhmischer Schneider, wurde dann in späteren Jahren sein Firm­pate, als er sich nach meiner Firmung entschloß, ebenfalls zur Firmung zu gehen. Er hat seinen Firmpaten in damals freundschaftlich-distanzierter Art immer mit "Du, Herr Kommerzialrat" angesprochen, ebenso wie er seinen Vater noch mit "Sie, Herr Vater" ansprechen mußte.

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------  

Vater  hatte viel Herz für Kunst, Theater und schöne Erlebnis­se. Ich erinnere mich sogar, daß er einmal im Radio die "Überreichung der sil­bernen Rose aus dem Rosenkava­lier v. R. Strauß" für Mama als Grußsendung bestellte, was damals sicher­lich nicht einfach zu bewerkstelligen war. Mama hörte nur so während des Kochens hin und zeigte kaum Reaktion, während er mit mir zu­hörte und mir den Sinn dieser Opern­stelle erklärte. Wir waren sogar in der "Liebe zu den drei Orangen" von Orff und er hat mir diese neue Art der Musik so nahe gebracht, daß ich bei meinen Kindern in der Schule diese Musik gefördert habe und sie auch heute noch sehr gerne höre.

Wenn ich mich an besondere oder schöne Ereignisse meines frühen Lebens erin­nere, so fällt mir da­zu immer nur mein Vater ein. Meine Mutter ist mir kaum gegen­wärtig, oder nur in sachli­cher Form.

Eine "verdiente Watsche" habe ich auch noch in Erinnerung. Es muß gerade nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft zu Weihnachteh 45 gewesen sein, als ich mit einer elektrischen Eisenbahn ankam, die ich im Lagerkeller der Spielwarenfirma in unserem Haus, zwei Stock tief am Rande der Katakomben und nur wenigen Leuten bekannt, "gefunden" hatte. Es war so spontan von ihm und für mich so einprägsam, daß ich nie wieder Gelegenheit gab, daß ihm die Hand ausrutschte. Es sollte bei diesem einen Mal bleiben.

Vater hat jeden Ausflug oder Spaziergang mit mir gestaltet. Er hat mir sein Wissen von den Dingen immer ausführlich erzählt, mich auf Besonderheiten hingewiesen, mich aber nie belehrt. So kenne ich die versteinerten Bäume im Burggar­ten/Palmenhaus von ihm und manche Innenstadtbauten und Winkeln hat er mir gezeigt. Wir sind auch sonntags immer ins OP-Kino (Ohne Pause) am Graben ge­gangen, um die neueste Wochenschau zu sehen. Er war so vielseitig interessiert. Von Schöffel, dem Retter des Wienerwaldes habe ich zwar nie in der Schule, aber viel von ihm gehört. Auch die Geschichte und Geschichten um Ring und Votivkir­che und viele Wiener Sagen. So hat er mit mir das Basiliskenhaus besucht und viele andere Stätten der Geschehnisse für mich lebendig gemacht.

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 

Als Jugendlicher machte Vater mit seinen Eltern in der Gegend von Preßbaum bei Bekannten "Sommerfrische" . Auch wir haben in meiner Jugend dann dort mehrere Sommer verbracht. Einmal legten Soldaten - es war vor dem ersten Welt­krieg - eine Tele­fonleitung durch den Wald. Neugierig wie er war, (die Triebfeder alles seines Wissens) verfolgte er das Kabel bis Rappoltenkirchen und langte dort gegen Abend, müde und hungrig, an. Erst eine Suchmeldung der Gendarmerie führte dann zu seiner Heimkehr.

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------   

Vater erzählte mir von einer Liefertour gegen Ende des ersten Weltkrieges. Er war damals etwa 16 -17 Jahre alt und Damen-Kleidermacher-Lehrling. Die fertigen Kleidungs­stücke wurden da­mals den Kunden von den Lehrlingen zugestellt. Es waren "Lieferschachteln" mit Tragegriff. Ein Holzbrett mit Griff oben und eine Art Mini-Klei­derstange unten. Darauf wurden die Klei­dungsstücke gehängt und dann alles mit einem am Holzbrett befestigten großen Sack abgedeckt. Wenn die Sachen nicht zu lange waren, konnte man es oben tragen, oder man hängte e sich über den Arm und bei der Kunde wurden die Kleidungsstücke fein säuberlich aufgehängt über­geben.

Ich selbst habe noch zu Kriegsbeginn mit dem Rad in diesem  Transportbehältnis am Ge­päckträger Mäntel geliefert. Ich kann mich an eine Lieferung in die Blech­turmgasse erinnern, wo mir Vater einschärfte, es seinen hochgestellte Persönlichkei­ten und gute Kunden. Wie ich dann erfuhr, war es die Familie des Grafen Stürgkh, der seinerzeit von Viktor Adler am Neuen Markt im Hotel Meissl&Schaden erschossen wurde.

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 

Vater war also per Straßenbahn liefern. Es gab dafür immer irgendein Trinkgeld. In diesem Fall erhielt er von der Kunde jedoch  Äpfel, es war ja Kriegszeit und Obst wertvoller als Geld.  Zum Heimtransport gab er die Äpfel in den Kleidersack und fuhr - wieder per Straßenbahn - heim. Irgendwie dürfte der Sack aber das Gewicht nicht ausgehalten haben und platzte noch in der Straßenbahn auf. Andere Fahrgäste hießen ihn gleich einen Hamsterer und stürzten sich auf die willkommenen Äpfel. Er mußte mit dem kleinen im Sack verbleibenden Rest das Weite suchen und absprin­gen. Zu Fuß kam er dann heim, hatte aber wenigstens genügend Äpfel behalten um sich am Weg damit zu stärken.

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------  

Die Liebe zur ernsten Musik, durch die Erklärung der Balladen von Löwe, Schubert und der Handlung von Opern und vieles mehr ist bei mir durch ihn geweckt worden. Seine Erzählungen vom Ringtheaterbrand, über Lueger, Schöffel, ein Besuch der Ehren­gräber am Zentralfried­hof und das Wissen um viele Ereignisse in Wien verdanke ich ihm.

Der erste und viele weiteren Opernbesuche (Zauberflöte, Peterchens Mondfahrt, Hänsel und Gretel, Die Liebe zu den 3 Orangen - mit ausführlicher Erklärung in seiner einfachen und ver­ständlichen Art) - haben mir die Opernwelt erschlossen. Wir ge­hörten zu den Auserwählten, die ein Opern- und Burgt­heater-Abo hatten.

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------  

Ausflüge in den Wienerwald und die Voralpen, die Fahrten mit dem Rad vor dem Krieg ins Weidlingbachtal - mit mir am Kindersitz-  und nach dem Krieg meine erste Klettertour auf den Hochkönig, Matrashaus mit herrlichem Sonnenauf­gang in den Alpen und Besteigung der Torsäule. Und viele weitere Hochgebirgstou­ren mit ihm gehören zu den gemeinsamen Erlebnissen die mich und meine späteren Vorlieben geprägt haben.

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------    

Am Stubenring gab es eine Diaschau, das Bild-Panorama, wo Stereobilder zu sehen waren. Es war wie ein Karussell, wo die Leute rundherum an Gucklöchern saßen um die Bilder zu sehen. Da gab es einen Glockenton und das ganze Innenleben drehte sich um ein Guckloch weiter. Wenn man wieder beim ersten Bild ankam, nahm der Nächste Platz. Die Bilder wur­den wöchentlich gewechselt.

Jetzt habe ich in einer Alpenvereinszeitung sogar einen bebilderten Artikel über diese Steroabildschau gefunden. Hier ist er:

 

 

 

 

 

                    

 

 Seit Kriegsbeginn hat dann Vater seine Bilder auf Diafilm gemacht und viele davon in Vor­trägen hergezeigt. Dafür bekam er von verständnisvollen Vorgesetzen sogar einen Bezugschein für Farbfilme. Allerdings damals Agfa, die sich heute ganz blaustichig verfärbt haben. Auch wir haben uns immer auf die Familien-Dia-Abende gefreut.  Mit diesen Bildern habe dann ich nach dem Krieg Vorträge im Gebirgsverein und Seniorenrunden gemacht.

Er  ist es, mit dem ich meine meisten Grunderlebnisse verbinde. Er wird zu meinem Lebens­men­schen. Er geht mit mir in die Oper, ins Burgtheater, zeigt mir vor dem Krieg das Nord­licht, das als böses Omen angesehen wurde und erklärt mir das auch (der Krieg hat ängstliche Gemüter dann bestätigt), führt mich auf Bergtouren und macht mit mir Radaus­flüge, zuerst mit mir am Kindersitz, und macht dann als ich ein eigenes Rad bekomme, mit mir gemeinsame Ausfahrten.

----------------------------------------------------------------------------- 

 Er ist immer interessiert - Neugierig wie ein Eichkatzerl sagt Mutter - und will allen Dingen auf den Grund gehen. Eine Eigenschaft, die sich auf mich vererbt hat. Die Basis seines und meines Wissens

 

 

 

Als sich ein Selbstmörder in der ersten Morgendämmerung vom Fenster gegenüber auf die Straße stürzt, zeigt er mir kurz den Toten von oben - es ist mein erster Toter den ich zu sehen bekomme.

Auch zeigt er mir ein Gebetbuch in Ledereinband, mit einer Elfenbeinschnitzerei am Deckel, in dem in Kurrentschrift Geburten, Hochzeiten und besondere Familie­n­ereignisse eingetra­gen waren. Mit ein Grund, daß ich später lange an der Kurrent­schrift festhielt und diese auch heute noch mühelos beherrsche. Erst als Lehrer in der Fachschule Michelbeuern habe ich begonnen Latein zu schreiben, während meine Klassenbucheintragungen immer noch in Kurrent waren. Das hat mir geholfen mittelalterliche Schnittbücher zu lesen und bei der wissenschaftlichen Arbeit dran zu helfen.

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------    

Vater war ehrgeizig und selbstständig, er hatte modische Ideen und gute Kunden in seinem Modesalon am Stephansplatz. Ein  Familienmensch. Er veranstaltete große Familientreffen wie sie von seinem Vater her erzählt wurden, allerdings fast nur "seine" Familie, in den Wohn- und Geschäftsräumen in der Schulerstraße mit 12-20 Teil­nehmern, meist in der Zeit nach Weihnachten, wenn der Christbaum noch stand und es nicht viel Arbeit in der Werkstätte gab. Wir verfügten als einzige in der Familie über so großen Räumlichkeiten. In der eigenen Familie wurde er als erfolgreich eingestuft und von allen aner­kannt. In der Familie seiner Frau war er als "nur ein Schneider" eher nicht angesehen und Mutter litt bis zu ihrem Tod unter diesem "Makel".

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------   

Ich habe als Kind immer in der Werkstatt gespielt und mein liebstes Spielzeug waren die Geräte wie der große Bügelpolster oder der große Magnet, mit dem sich so herrlich die Nadeln durch die Tischplatte hindurch spazieren führen ließen. Kinder aus der Schule waren bei uns oft auf Besuch und wir konnten in der großen Werkstatt spielen. 

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------   

Im Jahr 1939 wird er zum Heer eingezogen....               Hier fehlt die weitere Bechreibung, wird nachgeliefert !

Er ist 45 Jahre und noch voll Energien als er nach dem Krieg wieder Fuß fassen will. Die Ehe ist zerrüttet und sichtlich nur des Geschäftes und uns Kinder wegen aufrecht.

Nach der Rückkehr hat seine Frau, meine Mutter, die Geschäftsführung so fest in der Hand, daß sie ihm zeigt wie sie es den Krieg über allein geschafft hat und läßt ihn praktisch nicht mehr ans Ruder. Er weicht aus, indem er ein Schnittsy­stem für Damenbekleidung erfindet und Kurse hält, sich mit einem Kürschner aus der Weihburg­gasse zusammen­tut und kleine Fellarbeiten, Kragen/Manschetten/Muffs und Pelzbesätze und sonstige kleine Sachen macht und so auf ein Gebiet aus­weicht, wo er sich allein auskennt. Er versucht auch nebenbei etwas zu verdie­nen, da ihm meine Mutter fest am Zügel hält. Er weiht mich ein und ich werde sein Vertrau­ter und Nachfolger bei der Verwertung seines Schnittsystems. Schnirrbücher die ich mitgeschrieben habe, liegen in der Nationalbibliothek.

----------------------------------------------------------------------------                                             

In dieser Zeit wird Vater Innungsmeister-Stellvertreter. Vor der Wahl zum Innungsmeister kann er sich nicht "anpassen" und bleibt Stellvertreter. Er ist etwas verbittert, hält aber die Gewer­betradition auf­recht und versucht mit Modeschauen - noch mit Prof. Liewehr von der Modeschule Hetzendorf - die Maßschneiderei zu retten. In dieser Zeit erhält er die silberne Kammermedaille und die Medaille des Moderinges für seine Verdienste. Ich mache seine Vorträge weiter noch bis zu meiner Zeit bei Fa. Zinke, bei der ich in leitender Stellung die Schnitt- und Zuschneideabteilung geführt habe. Dann wird der Stil dieser Aktion vollkommen geändert und Papa stirbt an Lun­genemphysem und gebrochenem Herzen in der Poliklinik, nachdem er nach mir verlangt und sich am Tag vor seinem Tod von mir verab­schiedet hat. Er hat mich extra rufen lassen und auf meine Frage, was es gäbe, sagte er nur: "Ich will mich von dir verabschieden". Er hat seinen Tod vorausgespürt und mir noch seine letzte Liebe gegeben.

-----------------------------------------------------------------------------  

Meine Mutter wurde am 26.10.1898. in Wien geboren. Sie war 31 Jahre alt, als ich zur Welt kam. Mit über 35 Jahren gebar sie dann meinen Bruder.

Es erscheint mir immer so, als wäre sie meine Großmutter gewesen. Das geht so weit, daß ich heute, wo ihre 3 Urenkel Oma zu ihr sagen, sie ebenfalls mit Oma anrede und mich zwingen muß daran zu denken, daß es doch meine eigene Mutter ist.

Sie hat mir in meiner Jugend öfters erzählt, daß sie ihren Schutzengel gesehen habe. Da habe ich es noch für eine Weihnachtsgeschichte gehal­ten die sie für mich erzählt hat. In viel späteren Jahren hat sie es aber immer wieder erzählt und ich glaube daß sie bis zu ihrem Tod mit ihren 96 Jahren selbst fest daran geglaubt hat. Sie ist in ihrer Zeit stehen geblieben und lebte immer noch in Dimen­sionen und Wertvorstellungen vom Anfang des Jahrhunderts.

                                            Meine Eltern    .

Ich habe schon Schwierigkeiten, ihren Namen zu schreiben. Sie heißt Anni oder Annie. Zeitlebens hat sie beide Schreibweisen angewendet, damit aber ihre Gunst differenziert. Nur in ihren Augen gute Bekannte und Freunde durften sie mit Annie anschreiben, den an­deren schrieb sie immer nur Anni ohne "e". Den Grund habe ich bis heute nicht verstanden. Allerdings hieß ihre Mutter Anna, vielleicht wollte sie sich hier bewußt durch einen Schreibvariante von dem gleichen Vornamen unter­scheiden.

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------    

Nur einen Cousin meines Vaters, Onkel Walter, hat sie gerne gehabt und da hatte sie bis zu ihrem Tod mit 96 Jahren  zu dessen Kindern Verbindung. Der Cousin war nach dem Krieg mit einer säch­sischen Freundin, Tante Milchen (Emilie), heimgekommen und hatte diese in Wien geheiratet. Vater war der einzige in der Familie, der die "Ausländerin" akzeptierte. Zum Dank dafür hat dieser dann in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nach dem Krieg den Eltern geholfen. Diese Verbindung der Mutter zur Vater-Familie ist die einzige, die wirklich hält.

Mutter war der Manager der Familie, die Buchhalterin und die Geschäftsfrau. Vater aber die Seele und der kreative Teil. Mutter mußte die Kriegszeit über das Geschäft allein führen und hat auch nach der Rückkehr des Vaters das Kommando über das Geschäft nie mehr abgegeben. Sie schrieb alles auf winzig kleine Zettel, mit ihrer ohnedies schon kleinen Schrift und hat vielfach auch noch die Gabelsberger-Ste­nographie verwendet, die wir Kinder auch in einem Kurs im gegenüberliegenden Hotel "König von Ungarn" gelernt, aber längst wieder vergessen haben.  So ist ihr Nachlaß heute praktisch unlesbar geworden.

Ihre Mutter, also meine Großmutter mußte nach der Scheidung ihrer Eltern und dem Tod ihres geschiedenen  Ehemannes, des Redakteurs, dazuverdienen und war öfter als Küchenhilfe in Schlös­sern und Forstverwaltungen tätig. (Das war damals eine noble und ver­schämte Form der Unterstützung verarmter "besserer Familien"). Dabei nahm Groß­mutter meine Mutter mit, die dann mangels anderer Beschäftigung in den Kanz­leien als "Sekretärin" oder Schreib­hilfskraft beschäftigt wurde.

Wir haben einmal bei einer Fahrt nach Graz Schloß Plankenwart besucht, wo sie uns ihren seinerzeitigen Arbeitsraum zeigte und Erinnerungen auffrischte.

Es war typisch für diese Familie, daß vieles Fassade war und der Schein nach außen auf­recht erhalten wurde, obwohl sie in großer Bescheidenheit lebte. Erst 1937 anläßlich der Besorgung des "Ariernachweises", mit 39 Jahren, hat sie nach dem Tod ihrer Mutter aus den Papieren erfahren daß sie ein uneheliches Kind ist. Das heißt, ihre Eltern haben die beiden Töchter immer als ehe­liche Kinder behandelt, auch bei der Scheidung hat der von meiner Mutter geliebte Nicht-Vater (Zahlvater) die Sorgepflicht übernommen. Vom ihm wissen wir nur daß er in einem armseligen Grab einer anderen Familie liegt.

Beim Tod eines Onkels, von uns nie hinterfragt, erfuhren wir daß er ein Halbbruder der Mutter war, der seinerseits sein Leben lang nicht wußte daß er eine Halbschwester hat. So fest hat die Geheimhaltung in  der Familie funktioniert.

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------   

Mutter hat als Angestellte bei den Saurer-Werken in Simmering gearbeitet (Buchhaltung) und in der Folge bei ihrem Chef Radio-Radiis (ein damals bekannter Bergsteiger und For­scher) vermutlich ihre Verbindung zum Österreichischen Ge­birgsverein gefunden, wo sie dann ihren Mann, meinen Vater, kennengelernt hat.

Sie war sehr musikalisch - auf ihr Betreiben habe ich auch Klavier gelernt - und hat aktiv in einem Mandolinenorchester mitgespielt. Die alte Mandoline ist heute noch mit vielen Bän­dern und Fähnchen geschmückt. Es war damals als Gastgeschenk bei Veranstaltungen so üblich diese Bänder auszutauschen, wie heute die Wimpel beim Fußball.

Ihren Mann, meinen Vater, hat sie anläßlich einer Führung (Wanderung) kennenge­lernt, zu der sie als einzige kam und im Laufe der Führung dann näher Kontakt auf­nahm. Vater war Wan­der­führer im ÖGV.

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------   

In der Folge hat Mutter nach der Heirat 1925 im gemeinsamen Geschäft immer Buchhal­tung und die Kassa gemacht und damit immer die Übersicht über die wirt­schaftliche Seite des Betriebes, mit bis zu 16 Arbeiterinnen (einschl. Lehrlingen) be­halten.

Sie trauerte bis zuletzt um die verlorene Chance, ihre zeichnerischen Talente nicht eingesetzt zu haben, die auf Grund einiger erhaltener Jugendzeichnungen von ihr offensichtlich vor­handen waren. Ihre Schwester wurde in späteren Jahren zu einer recht talen­tierten Malerin, hatte auch verschiedene Ausstellungen und schrieb öfters Gedichte, so auch ein Bild mit Gedicht zu meiner Geburt das heute leider verschollen ist. 

 

 

 

====================================================================

 

Den großen Eisstoß 1952 in Wien besichtigen wir vom Donauufer in Nußdorf aus. Wir ge­hen in der Kuchelau übers Eis bis auf den Damm der Donau, bis uns dann ein Polizist zurückruft, es wäre zu gefährlich da herumzuspazieren.

 Der Eisstoß von Nußdorf aus

 

 

Erinnerungen     Teil 2 Ende
 
Fortsetzung      Teil 3
 
 

 

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------   

 

 

 

 

Er geht mit mir zu Karli Schäfer in Hernals, erklärt mir die Eislaufvorführungen und was ich da zu sehen bekomme, zeigt mir Harald Kreutzberg, d e n modernen Tänzer der damaligen Zeit und hat mich im Jahre 1938 an das Radio geholt um mir die Schuschnigg-Rede anhören zu lassen. Er zeigt mir beim Sturm auf das Erzbischöfli­che Palais von unsrem Balkon aus die tobenden Leute  und ruft die Polizei telefonisch um Hilfe. Übrigens vergeblich. Die Auskunft der Polizei war: Wir sind unterwegs.

powered by Beepworld