22 Erinnerungen Teil 1


Erinnerungen Teil 1

Anstatt eines Vorwortes:

Institut für Wirtschafts- u. Sozialgeschichte der Universität Wien "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" Dr. Karl Lueger-Ring 1   1010 WIEN Tel. 0222/40103/2359 Mag. Günter MÜLLER

Wien, am 12.6.1999

Sehr geehrter Herr Ungrad!

Ich möchte Ihnen - mit einiger Verspätung - nochmals herzlich für die Einsendung Ihrer lebensgeschichtlichen Aufzeichnungen danken und Sie zugleich um Verzeihung bitten für die lange Wartezeit auf eine Antwort von uns!

Dieser Tage bin ich nun aber endlich dazugekommen, Ihren Text zur Gänze zu lesen und nun kurz dazu Stellung zu nehmen. Ihr lebensgeschichtlicher Bericht entspricht in seiner Art ziemlich genau den Texten, die wir in unserem Archiv als sozial- bzw. zeitgeschichtliche Dokumente sammeln. Sie erzählen sehr inhaltsreich und eindrucksvoll über Ihre Kindheit und Jugend in den dreißiger und vierziger Jahren im Herzen Wiens, über Ihren persönlichen Weg, auf dem Sie die Vorgaben eines christlich-konservativen Elternhauses offenbar einigermaßen mit den Anforderungen des NS-Regimes an die Jugend jener Zeit zu vereinbaren wußten. Ihr Wohnort bot natürlich eine unvergleichlich gute Voraussetzung, von frühen Kindesbeinen an zum Augenzeugen verschiedener Ereignisse von politischem Gewicht in diesem Staat zu werden, da vieles sich ja praktisch vor Ihrer Haustüre abgespielt hat. Noch viel beeindruckender als Ihren persönlichen Blick auf Geschehnisse oder Personen, die in Österreich in irgendeiner Form öffentliche oder politische Bedeutung erlangt haben, fand ich aber Ihre Beschreibungen des alltäglichen Lebens in Ihrer engeren und weiteren Umgebung im ersten Wiener Gemeindebezirk. Zum Teil vielleicht deshalb, weil mir gerade dieser Teil Wiens bislang ganz anders als von einer solchen kindlichen Alltagsperspektive her vertraut war. Zum anderen Teil ist es Ihnen, meiner persönlichen Meinung nach, wirklich ganz gut gelungen, in ihrer Erzählung einzelne persönliche Erlebnisse und Meinungen mit sachlichen Beschreibungen der Lebensverhältnisse und politischen Gegebenheiten auf eine lebendige und ansprechende Weise zu verbinden.

Ich meine also, daß sie mit Ihrem Lebensbericht nicht nur Ihren eigenen, im Vorwort formulierten Ansprüchen gerecht geworden sind, sondern daß Ihre schriftlichen Lebenserinnerungen ein sozialhistorisches Dokument darstellen, welches wir in unserer autobiographischen Textsammlung nicht gerne missen möchten.

Aus unseren vorhergehenden Rundbriefen wissen Sie vielleicht schon, daß unser Aufgabengebiet nicht in erster Linie die Publikation lebensgeschichtlicher Texte, sondern vielmehr deren Archivierung und Bereitstellung für wissenschaftliche Forschungsarbeiten sowie für entsprechende Bildungsarbeit ist. Für beides können Lebensberichte wie Ihrer eine wertvolle Grundlage darstellen.

Daher würden wir Ihre autobiographische Erzählung gerne in unser Archiv aufnehmen, wo sie dann an Ort und Stelle einem fachlich interessierten Personenkreis (vor allem Wissenschafter/innen und Lehrer/innen) zur Einsichtnahme zur Verfügung stehen würden. Nebenher stellt unsere Textsammlung natürlich auch die wesentliche Materialbasis für künftige Buchveröffentlichungen in der autobiographischen Buchreihe "Damit es nicht verlorengeht... " dar. Für einen Beitrag zu einem themenorientierten Sammelband bietet sich durchaus der eine oder andere Abschnitt Ihres Texts an. Beispielsweise hat mich Ihre detaillierte Darstellung der nicht gerade durchschnittlichen Wohnverhältnisse Ihrer Familie in der Schulerstraße sehr deutlich daran erinnert, daß seit längerem ein Sammelband zum Thema "Wohnen in der Stadt" in Planung ist. Ich kann im Augenblick auch nicht versprechen, daß dies in absehbarer Zeit der Fall sein wird, aber jedenfalls hielte ich ihre diesbezüglichen Ausführungen für einen würdigen Beitrag zu einem solchen Buch.

Mag. Günter MÜLLER 

 

Und hier sind sie - die Erinnerungen. Grob chronologisch geordnet. Bei manchen Dingen sind die Gedanken beim Thema bleibend - vorausgelaufen. Bei anderen aber auch zurück erinnert, so daß das mit der Chronologie nicht so genau zu nehmen ist.

 

Geboren wurde ich 1929. als echtes Pötzleinsdorfer Kind auf der Wind­mühlhöhe, in der Koschat­gasse  76, in der "Villa Lotte", die heute noch unverändert so dort steht wie ich sie aus meinen ersten Lebensjah­ren in Erinnerung habe. Vater wurde im kritischen Augen­blick um Katgut weg­geschickt, damit er den Frauen nicht im Weg war. Eine Hausgeburt war damals zwar durchaus normal, aber Män­ner hatten dabei nichts zu suchen.

An den zur Glanzinggasse und der gegenüberliegenden Kinderklinik abfallenden Garten kann ich  mich noch gut erinnern. In der Pötzleinsdorfer Kirche wurde ich getauft, meine Taufpatin war die Großmutter mütterlicherseits, eine für mich ein­drucksvolle und beherr­schende Persön­lichkeit, die mich in jungen Jahren sehr oft betreut hat. Groß­vater gab es keinen in meiner Erinnerung. Mein Geburtszimmer war ein kleines Kabinett neben den Ein­gang, in dem meine Eltern sehr beengt zur Untermiete  wohnten.

Meine ersten  Ausflüge - so mit 2 1/2 Jahren - waren der Dreimarkstein, Kahlenberg, Neustift und alles was von Pötzleinsdorf aus zu Fuß zu erreichen war.Im Sommer das Sieveringer Bad, wo ich bald schwimmen lernte.

                           

Mein Geburtshaus, die "VillaLotte" auf der                                                         Sieveringer Bad vor 1938

Windmühlhöhe/Koschatgasse in Pötzleinsdorf Meine Familie war mütterlicherseits von Frauen geprägt und beherrscht. Ein Kinder­mädchen betreute uns zwei, meinen jüngeren Bruder  und mich, und eine Nachbarin fast zur Familie gehörig, arbeitete als Bedienerin und Mädchen für alles bei uns. Dann gab es die Arbeiterinnen meines Vaters, die für mich wie Tanten waren. Vater hatte einen Modesalon am Stephansplatz/Schulerstraße.

Großmutter lebte nach ihrer Scheidung von Großvater in einer Zimmer-Kabinett-Küche-Wohnung mit Gang-Bassena und Gang­klo. Die Wohnung war gutbürgerlich nobel eingerichtet. (Vermutlich Reste des einstigen "großen Hauses" das ihr Mann, ein Redakteur der "Reichspost" geführt hatte.)

Wenn sie sich wusch, mußte ich schicklichkeitshalber die Küche verlassen. Nur ein­mal war sie in Nöten und ich mußte ihr mit einem Schwamm den Rücken waschen und dann sogar das Mieder im Rücken einfädeln und zubinden.

Die Einrichtung der Küche bestand aus einem Waschtisch mit Krug und Kübel, ei­nem gemauerten Herd, später dann schon ein Gasherd. Dann gab es eine Glastür zum Zim­mer mit altdeutschem Bett, dunkel und viel Schnörkel, mit schwerer dunkel­roter Zierdecke. Davor ein Paravent, damit sie sich ungestört am Abend zu Bett be­geben konnte. dann ein schwarzes Piano mit Kerzenhaltern, Marke Rosenkranz. Darauf große grüne Glas­vasen mit Goldverzierung, ein schwarzer Pan­ther, der die Zähne bleckte und sehr reali­stisch aussah sowie viele Bilder der Familie. Vorne zum Fenster hin ein großer, schwerer Tisch mit gedrechselten Füßen. An der Wand dann eine Couch, die unbequem aufgepolstert war und auf der ich oft schlafen mußte. Weil sie so stark bombiert war und ich immer herunter­fiel, kippte sie dann mühsam den schweren Tisch um und stellte ihn vor die Couch mit ihrer hohen Lehne, auf deren Sims auch wieder alles von Ziergegenständen voll stand. Auch große Vasen aus Ton mit selbst gebasteltem Schmuck aus Knöpfen, Broschen und anderem Glitzerzeug drauf stachen mir in die Augen. Ich durfte alles nur Ansehen und ja nicht berühren.

Großmutter hat meine Familie und mich trotzdem offensichtlich bevorzugt, vor al­lem weil sie immer wieder für mich sorgen mußte. Sie machte  mit mir öfte­r Ausflüge zur alten Donau. Wir hatten da Bekannte an der oberen alten Donau mit einer Badehütte, wo wir immer gerne gesehen waren. Von diesen Badesonnta­gen gibt es Bilder mit Oma im schwarzen Ganzkörper-Badean­zug mit weißen Ab­schlußstreifen wie ein Matrosengewand, Badeschuhe und ein dunkler Sonnenschirm. Es sah alles so traurig aus.

                                           

               Man beachte meinen Ganzkörper-Badeanug !                                    Da bin ich mit 8 Monaten im Boot auf der Alten Donau

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Großmutter hat ihren beiden Töchtern immer den Umgang vorgeschrieben. Gerade des­halb hat meine Mutter dann Vater "unter ihrem Stand" geheiratet und ihre Schwe­ster einen Ange­stellten, einen Inspektor der Wiener Gaswerke. 

Diese Schwester hatte eine gute malerische Begabung und hat mit der Malerei den Lebensunterhalt der Familie bestritten.

Großmutter hat ihre beiden Töchter immer wieder zu sich bestellt, die jeweiligen Enkel sehr kritisch verglichen (ich war der Mittlere) und diese Kritik auch schriftlich in ihrem Kalender festgehalten. Diese Wertung war immer Anlaß zum Streit zwischen ihren Kindern.

Die Dominanz der Großmutter zeigt sich auch in der Tatsache, daß Sie bei mir u nd bei meinem Bruder als Taufpa­tin fungierte und nicht jemand jüngerer oder jemand aus der Familie des Vaters.

Das Kind der Schwester, meine Cousine, hat sich wiederum, ebenso aus Trotz noch im Krieg mit einem U-Boot-Matrosen verlobt, der kurz darauf gefallen ist. Nach dem Krieg hat sie dann einen wesentlich älteren geflüchteten Ungarn geheiratet und sich zwischen amerikanischer Besatzungsmacht in Salzburg und später als Altwaren- und Antiquitätenhändlerin im Burgenland mühsam durchgeschlagen, lebte aber immer in distanziertem Verhältnis zur Mutter, die den Schwiegersohn  immer ablehnte, weil er unter ihrem Niveau lag!

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Onkel Franz, ein Bruder der Großmutter,  war Werkmeister bei Siemens mit hohem Ansehen. Ein Foto zeigt ihn in der Werkhalle vor einer Turbine, stolz auf die gemein­same Arbeit, mit Kollegen. Er war  verheiratet und hatte ebenso wie sein Bruder gewollt keine Kinder. Sein großer Garten oberhalb der Krottenbach­straße war für uns Kinder ein Eldorado. Er hatte immer Sonnenblumenkerne bei der Hand, die ihm die Meisen von den Lippen pickten. Für die Amseln hatte er aller­dings ein Flobertgewehr. Er wurde - zum Ärger der katholischen Familie - nach seinem Tode ver­brannt.                                                                                                                           

               

         Der Werkmeister                                                                                                                             Turbinenbau für österr Kraftw                             

                                                                                                                                                                                                                                              

Dynamo für ein österr. Wasserkraftwerk                                                                                                                Das Lehrzeugnis

Sein Bruder hatte einen Totenkopf am Stehpult im Schlafzimmer und war so wie die übrige Familie - obwohl alle verheiratet - gewollt kinderlos. Es war ein unheimliches Gefühl für mich, im Schlafzim­mer den To­tenkopf und die düsteren schwarz-weiß-Zeich­nungen zu betrachten. Er war sehr streng in seinen Ansichten, seine Frau hatte bedingungslos zu gehorchen. Er hatte aber  Schwierigkeiten mit der Kinderlosigkeit und fühlte sich durch die damalige Stellung der Kirche zur Kin­der­losigkeit durch Pater Beda, der gerade nach Mariazell berufen wurde, per­sön­lich angegriffen.

 Der dritte Bruder war verheiratet. Er hatte ein Haus in Langenlebarn und war dort selbständiger und erfolgreicher Gärtner. Dieses Haus habe ich später geerbt und lange Zeit dort gewohnt.

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Väterlicherseits ist die Familie im Laufe der Jahre aus Schlesien eingewandert, es dürften alle mit Texti­lien zu tun gehabt haben. Die erste - frühzeitig verstorbene - Frau des Großva­ters, die ich nicht mehr gekannt habe, stammt aus Stillfried an der March, wo heute noch Verwandte leben. Mein Großvater war ein fescher, stimm­gewaltiger und geselliger Mann. Ein Schneider aus der Zeit des goldenen Hand­werks. Seine Werkstatt hatte er ursprünglich in der Ullmannstraße in Wien, später in der Mariahilferstraße gegenüber dem Kaufhaus Gerngroß.

Erst etwa um 2000 haben wirKontakt zu anderen Ungrad´s aus Deutschland die Familiengeschichte betrieben und uns durch Zufall gefunden haben.  Da haben wir festgestellt, daß wir alle von einem Urvater aus Katscher, heute Kacerov in der CZ abstammen. Seither trifft sich der ganze Ungrad-Clan jährlich in verschienenem Gegenden in Deutschland, Österreich oder der Schweiz und hält lose Verbindung. Eine nach Brasilien ausgewanderte Ungrad hat uns dann die Familiengschichte in Deutsch zugeschickt, weil sie als Auswanderin besonders an der alten Familie interessiert war.  Da haben wir festgestellt, daß ich der Älteste alle heute lebenden Ungrad´s bin.

                          

                               Die Großeltern väterlicherseits                                                                                                         Die 1. Frau, meine Großmutter 

 

        Die 2. Frau, die für mich die Großmutter wurde, nachdem die echte Großmutter gestorben war.

 Es soll - so die Erzählungen meines Vaters und seiner älteren Geschwister - ein gro­ßes Haus gewesen sein. Auf Grund der weitläufigen Räumlichkeiten Treffpunkt der ganzen Familie zu den Weihnachts- und sonstigen Festtagen. Diese Tradition hat mein Vater dann übernommen.  Es gab eine mechani­sche Eisenbahn, die durch mehrere Zimmer mit Hilfe der Kinderschar verlegt wurde. Auf seinem Grabstein ist die Inschrift "dem Mitbe­gründer des Rosseggerbundes ge­widmet" zu lesen.

Er muß immer Veranstaltungen organisiert und eine große Gesellschaft um sich ge­habt haben, denn es gibt einige Aufnahmen auf denen ganze Gruppen drauf sind, im Mittelpunkt immer der Großvater mit seinem unverwechselbaren Vollbart.

Er war farbenblind, hat aber mit Hilfe der Kinder auch verschiedene Bilder in Farbe gemalt. Die Kinder mußten ihm aber die Farben ansagen. Ein Foto, das ihn mit sei­ner feschen ersten Frau zeigt, wurde mir erst vor ein paar Jahren von einer ehema­ligen Verehrerin meines Vaters anonym zugesandt. Er scheint großen Eindruck auf die Frauenwelt gemacht zu haben.

Er heiratete nach dem frühen Tod der Großmutter sein Lehrmädchen und hatte nach den vier Kindern aus erster Ehe weitere drei Kinder mit ihr, so daß sieben Kin­der das Haus be­völkerten. Durch den altersmäßig großen Abstand konnten die Älteren die jüngeren Ge­schwister hüten und fühlten sich als Ersatzeltern.

Diese Stiefgroßmutter, von mir stets als echte Großmutter empfunden da ich die Echte ja nicht kannte, buk  zu Weihnachten immer einen Spezial-Weihnachts-Striezel. Es war eine harte, staubige Angelegenheit, die niemand sonst gegessen hätte. Aber aus Tradition war­tete die ganze Familie immer auf das Gebäck - und es schmeckte uns sogar. Im Gegenteil, als sie dann in ihren letzten Jahren in das Altersheim Baumgarten zog - wo sie auch starb - ging uns der Striezel sehr ab. Und heute, wenn ich irgendwo auf einem Bauernmarkt so einen harten Stollen sehe kaufe ich ihn, weil er mich so sehr an Großmutter erinnert.

Großvater hat aus dem ersten Weltkrieg ein Album voller Zeichnungen mitgebracht. Es sind etwa 90 Zeichnungen seiner jeweiligen Unterkünfte und Fenster­aussichten. Sie stammen alle aus Polen und der Ukraine, wo er stationiert war. Ein paar sind ach auch srünn und Znaim und aus Wien, wo er jeweils in den Krankenhäusern war. Es sind fast fotografisch genaue Bleistiftzeichnungen. Diese Zeichnungen und ein paar exotische Postkarten sind im eigenen Fotoalbum "Zeichnungen aus dem 1. Weltkrieg" gesammelt. Hier nur ein paar Muster daraus.          

           

                                                                      

      

Ende Teil 1

Fortsetzung im Teil 2 der Erinnerungen.

 

 

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